Infos und Neuigkeiten zu Yoga, Meditation, Ayurveda und Spiritualität. Artikel von Sukadev Bretz, Gründer und Leiter von Yoga Vidya
Die Reinkarnationslehre war zu allen Zeiten die am weitesten verbreitete Vorstellung für das Leben nach dem Tod. Nach unterschiedlichen Umfragen glauben etwa 10-40% der Deutschen an Reinkarnation. Die östlichen Religionen Hinduismus, Buddhismus, Taoismus, Jainismus gehen wie selbstverständlich davon aus. Nach einer sorgfältigen Zusammenstellung von Ian Stevenson (Ian Stevenson, Wiedergeburt, 1992) glauben und glaubten viele andere Völker an Reinkarnation. Ich will nur einige Beispiele aufführen:
Auch im Abendland war der Glaube an die Wiedergeburt bei folgenden Völkern weit verbreitet. Darunter waren z.B. die Kelten Mittel- und Westeuropas sowie die Wikinger Islands und Skandinaviens. Davon berichtet Cäsar in „De Bello Gallico“: "Die Hauptdoktrin, welche sie (die Druiden) zu lehren suchen, besagt, dass Seelen nicht sterben, sondern nach dem Tode von einem (Körper) in einen anderen übergehen; und diesen Glauben halten sie für den höchsten Ansporn zur Tapferkeit, da die Angst vor dem Tode ausgeschaltet ist.". Laut Evans-Wentz (1911) blieb der Reinkarnationsglaube unter den keltischen Einwohnern Schottlands, Wales und Irlands bis ins 20. Jahrhundert bestehen. Unter islamischen Mystikern, insbesondere vielen Sufis, ist bis heute der Glaube an Reinkarnation weit verbreitet.
Die weite Verbreitung des Glaubens an Wiedergeburt auf der Erde ließ Schopenhauer bemerken: "Wenn ein Asiate mich nach einer Definition für Europa fragen würde, müsste ich ihm antworten: Es ist der Teil der Welt, der vollständig von der unerhörten und unglaublichen Täuschung beherrscht wird, dass eines Menschen Geburt sein Anfang sei und dass er aus nichts geschaffen werde." (Parerga und Paralipomena)
Allerdings stimmt die Behauptung Schopenhauers heute nicht mehr: Eine Umfrage, die 1968 von Gallup International durchgeführt wurde, hat ergeben, dass damals achtzehn Prozent der Menschen in acht europäischen Ländern an Reinkarnation glaubten. Ein Jahr später zeigte eine ähnliche Umfrage, dass zwanzig Prozent der befragten US-Amerikaner und sechsundzwanzig Prozent der Kanadier angaben, an Reinkarnation zu glauben. Bei einer späteren Umfrage in den USA (veröffentlicht 1982) bejahten dreiundzwanzig Prozent derer, die antworteten, den Reinkarnationsgedanken. Neuere Umfragen kommen auf ähnliche Werte.
Die Grundlagen der modernen westlichen Zivilisation beruht hauptsächlich auf ägyptisch-griechisch-römischen jüdischen, christlichen und islamischem Gedankengut sowie den Geistesgrößen der Neuzeit. Und hier war die Vorstellung der Wiederverkörperung erheblich verbreiteter als man annehmen sollte:
Griechisch-römische-Antike: Unter den Ägyptern und den Griechen gab es ganze philosophische und religiöse Schulen, die an Reinkarnation glaubten. Es gibt Theorien und Berichte, dass die Einweihungskulte der Mysterienschulen Erinnerungen an frühere Geburten und Erfahrungen außerkörperlichen Lebens hervorrufen wollten. Bekannt ist, dass der Mathematiker, Philosoph und Mystiker Pythagoras Reinkarnation gelehrt hat. Andere bekannte Vertreter der Reinkarnationstheorie waren Sokrates und Plato. Laut Plato sagte Sokrates: „Weil nun die Seele unsterblich ist und oftmals geboren und, was hier ist und in der Unterwelt, alles erblickt hat: so ist auch nichts, was sie nicht in Erfahrung gebracht hätte, sodass nicht zu verwundern ist, wenn sie auch von der Tugend und allem anderen vermag, sich dessen zu erinnern, was sie ja auch früher gewusst hat." (Zitiert nach der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher.). Weitere Geistesgrößen der Antike, die an Reinkarnation glaubten, waren Appolonius, Plotinus, die Neupythagräer, die Neuplatoniker, Empodokles, Plutarch, Vergil, Ennius, Seneca, vermutlich auch Cicero und Caesar.
Judentum: Das Wort Reinkarnation (hebräisch „Gilgul Neschamot“) taucht in der jüdischen Bibel nirgends auf. Reinkarnation wird aber im Talmud an einigen Stellen explizit diskutiert. Einige jüdischen Strömungen z.Z. Christi sind von Reinkarnation ausgegangen. Dazu gehören insbesondere die Essener und die Pharisäer. Die Essener lebten in einer Gemeinschaft ohne persönlichen Besitz, in der es Mönche, Nonnen und ganze Familien gab. Sie waren Vegetarier, haben meditiert und andere spirituelle Praktiken geübt, glaubten an Auferstehung des Fleisches und damit Reinkarnation sowie an etwas dem Karma Ähnlichen sowie das baldige Kommen des Messias. Umstritten ist, wieweit die Essener in Kontakt standen mit Jesus und Paulus sowie den Urchristen überhaupt. Laut dem antiken Historiker Jospehus haben auch die Pharisäer, neben Sadduzäern und Essenern die dritte wichtige Gruppierung im Judentum zur Zeit Christi, an Reinkarnation geglaubt. Da aus dem pharisäischen Judentum das mittelalterliche Judentum hervorgegangen ist, wird man aber annehmen müssen, dass die Annahme der Reinkarnationslehre nicht unumstritten war. So wird Reinkarnation ja im Talmud durchaus kontrovers diskutiert. Die Pharisäer waren übrigens nicht scheinheilige Buchstabengläubige, als die sie in den Evangelien dargestellt werden. Vielmehr muss man davon ausgehen, dass die Frühchristen den Pharisäern am nächsten standen, dass vielleicht sogar Jesus als pharisäischer Lehrer angesehen wurden. Die Positionen von Jesus zu Nächstenliebe (Hillel), Ehescheidung (Schammai), seine Einstellung zum Sabbath („der Sabbath ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbath) und vieles anderes, was als für Jesus typische Lehren gilt, waren Lehrmeinungen der Pharisäer. Auch können es nicht Pharisäer gewesen sein, welche Jesus als Häretiker verfolgten. Das müssten eher Sadduzäer gewesen sein, welche das Tempeljudentum verkörperten, sich als die „Rechtgläubigen“ bezeichneten und sich von Häretikern absetzten. Die Pharisäer waren es, welche ein „Reformjudentum“ befürworteten, für welches der Geist wichtiger war als der Buchstabe. Allerdings waren zur Zeit der Verfassung der Evangelien die Sadduzäer (und die Essener) weitestgehend ausgelöscht. So richtete sich die Polemik der Frühchristen gegen die verbliebenen Pharisäer. Man kann davon ausgehen, dass die meisten Lehren Jesu auf pharisäischen Lehren beruhen. Drei Ausnahmen will ich hier herausgreifen: Die eine betrifft die Haltung Jesu zum Privateigentum, die zweite die Vorstellung der bevorstehenden Endzeit, die dritte die Person Jesu selbst als Messias, Sohn Gottes. Ein paar Anmerkungen zur Position Jesus zum Privateigentum: Jesus spricht sich an mehreren Stellen gegen Privateigentum aus: „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme“ (Mk 10:25). „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Matth 6,24). Hier ähnelt die Position von Jesus wie bei der bevorstehenden Endzeit eher der essenischen als der pharisäischen. Die Frühchristen wollten sich eben von den Pharisäern absetzen und vermutlich auch von den Juden insgesamt absetzen, die wegen dem römisch-jüdischen Krieg 66-70 n.Chr., in dessen Folge der Jerusalemer Tempel zerstört und die Juden von den Römern aus Palästina vertrieben wurden, im Römischen Reich unbeliebt waren.
Explizit wurde die Reinkarnationslehre von jüdischen Mystikern gelehrt. Die Bücher „Sefer ha Bahir“ (aus dem 1. oder 12. Jhdt. n.Chr.) und „Sefer Ha Sohar“ (13. Jhdt. n.Chr.) seien hier beispielhaft erwähnt. Da das Werk „Sefer Ha Sohar“ starke Verbreitung fand, kann man davon ausgehen, dass im spätmittelalterlichen osteuropäischen Christentum Reinkarnationslehre vorherrschende Doktrin war.
Ein klassisches Werk der Kabbala ist Schaar ha-Gilgulim (“Tor der Reinkarnationen”) von Rabbi Isaak Luria (1534-1572), das die komplexen Gesetzmäßigkeiten der Wiedergeburt beschreibt und außerdem die lebenslange Inkarnation (Gilgul) von der vorübergehenden Inkorporation einer fremden guten Seele (Ibbur) oder einer fremden bösen Seele (Dibbuk) abgrenzt. Luria bezieht sich dabei ausdrücklich auf bestimmte Textpassagen im Tanach, der jüdischen Bibel. Der Begründer der chassidischen Bewegung, Rabbi Israel ben Elieser (1698-1760), genannt Baal Schem Tow, hat die Reinkarnationslehre weitergegeben. Man findet einiges darüber in Martin Bubers Werken „Die Legenden des Baalschem“ sowie „Die Erzählungen der Chassidim“, in denen Baal Shem Tow ganz konkrete Fälle von Reinkarnation darlegt und erläutert..
Die Vorstellung der Wiedergeburt ist auch heute bei orthodoxen Juden (besonders bei den Chassidim) weit verbreitet. In manchen chassidischen Gebetbüchern (Siddur) findet man beispielsweise ein Gebet, das um Vergebung für Sünden in früheren Inkarnationen bittet (mehraba).
Islam: Der Anteil der Moslems unter den Yoga Übenden in Mitteleuropa wird in den letzten Jahren größer. Daher hier ein paar Worte über Reinkarnation und Islam. Natürlich lehnen die Hauptvertreter der großen Konfessionen Sunniten und Schiiten die Reinkarnationslehre ab.
Einige Verteter der islamischen Mystik (Sufismus oder Tasawwuf) und einige esoterische Orden (Tariqas) integrieren das Konzept der Wiedergeburt problemlos in ihr spirituelles Weltbild. Hierzu zwei Koran-Stellen:
"Wie könnt ihr Gott verleugnen, wo ihr tot wart und Er euch lebendig gemacht hat? Dann lässt Er euch sterben und macht euch wieder lebendig, und dann werdet ihr zu Ihm zurückgebracht.“ (Koran 2:28, Übersetzung von Adel Theodor Khoury).
„Du lässt die Nacht in den Tag übergehen, und Du lässt den Tag in die Nacht übergehen. Du bringst das Lebendige aus dem Toten, und Du bringst das Tote aus dem Lebendigen hervor, und Du bescherst Unterhalt, wem Du willst, ohne (viel) zu rechnen.“ (Koran 3:27, Übersetzung von Adel Theodor Khoury).
Beide Koranstellen kann man durchaus als Beleg für Reinkarnation deuten, auch wenn sie natürlich auch anders interpretiert werden kann.
Der persische Dichter, Mystiker und Sufi-Meister Dschalal ad-Din Rumi (1207-1273), genannt Moulana ("unser Meister"), auf dessen Lehren der Mevlevi-Derwischorden zurückreicht, schrieb folgendes Gedicht:
„Ich starb als Mineral und wurde Pflanze,/ Ich starb als Pflanze und wurde Tier,/ Ich starb als Tier und wurde Mensch./ Warum soll ich mich fürchten?/ Wann wurd ich weniger durch einen Tod?/ Noch einmal werd ich sterben als ein Mensch,/ Nur um dann aufzusteigen mit der Engel Segen./ Doch auch vom Engelsdasein muss ich weitergehen…“
(Auszug aus dem Mathnawi von Rumi).
Im Koran wird Maryam, Mutter des Propheten Isa (Jesus) mit der alttestamentlichen Propheten Miriam, Schwester von Aaron und Mose, die mehr als 1000 Jahr vorher gelebt hat, gleichgesetzt. Dies wird von manchen islamischen Denkern mit Reinkarnation erklärt.
Bis heute hat die Reinkarnationslehre bei der kleinen Minderheit der Drusen eine zentrale Bedeutung, auch wenn die Drusen normalerweise nicht als Moslems anerkannt werden.