Es gibt so viele Vorstellungen über das Leben nach dem Tod wie es Kulturen, vielleicht sogar wie es Menschen gibt. Ich möchte diese Vorstellungen in sechs Hauptkategorien einteilen:
- Das Nichts: Nach dem Tod ist alles zu Ende.
- Das Schattenreich: Nach dem Tod geht es irgendwie weiter, aber weniger intensiv.
- Himmel und Hölle: Nach dem Tod kommt man, sei es direkt, sei es nach dem jüngsten Gericht, sofort oder nach einem Fegefeuer in den Himmel oder in die ewige Verdammnis.
- Allerlösung: Alle Menschen kommen nach dem Tod in eine Art Himmel, zum Heil, zur Erlösung, und zwar unabhängig davon, was sie in diesem Leben getan oder geglaubt haben.
- Ungewissheit: Man kann es nicht wissen, was nach dem Tod kommt.
- Reinkarnation: Der Mensch inkarniert sich immer wieder, bis er die Vollkommenheit erreicht.
Meine Behauptung ist: Von den verschiedenen Vorstellungen über das Leben nach dem Tod macht die Reinkarnationstheorie vielleicht am meisten Sinn. Um dies zu erläutern, möchte ich zu den oben genannten sechs Kategorien einige Anmerkungen machen:
- Das Nichts: Nach dem Tod ist alles zu Ende. Diese materialistische Vorstellung widerspricht der Intuition des Menschen. Menschen spüren intuitiv: Es muss nach dem Tod weitergehen. Kaum jemand kann sich wirklich vorstellen, nicht mehr zu sein. Das ist zwar kein wissenschaftlicher Beweis, aber doch eine subjektive Tatsache für die meisten Menschen. Man kann die „intuitive“ Überzeugung der meisten Menschen aller Kulturen, dass nach dem Tod „etwas sein muss“, abtun als kulturell anerzogenen Aberglauben, als evolutionär sinnvolle Illusion, die im Hirn begründet ist und den Menschen im Angesicht der Sterblichkeit zum Handeln befähigt, oder eben als intutives Wissen um eine tiefere Wirklichkeit.
- Das Schattenreich: Die meisten Menschen kennen diese Vorstellung aus der griechischen Mythologie. Da werden die Toten dargestellt als Schatten, die unglücklich sind, dass sie nicht mehr richtig leben können und sich nach dem wahren Leben sehnen. Viele Menschen heutzutage haben eine durchaus ähnliche Vorstellung. Einerseits gehen sie davon aus, dass der Tod nicht das Ende ist, andererseits kann es nach dem Leben nicht richtig weitergehen. In jedem Fall wird es weniger intensiv sein. Wenn man das zu Ende denkt, ist die Vorstellung eines Schattenreiches etwas ganz Grässliches. Wer will Milliarden von Jahren in einer Art Halbleben verbringen?
- Himmel und Hölle: Nach dem Tod kommt man, sei es direkt, sei es nach dem jüngsten Gericht, entweder in den Himmel oder Hölle, je nachdem ob man tugendhaft genug war oder an das Richtige geglaubt hat. Man kann sagen: Dieser Glaube hat durchaus auch seine Vorzüge: Dadurch wird ethisches Verhalten motiviert. Dem Egoismus wird ein Riegel vorgeschoben. Und derjenige, der tugendhaft war, aber im Leben weniger erfolgreich als ein Betrüger, bekommt als Trost die Aussicht auf Belohnung im Jenseits Gerade im Christentum war die Angst vor der Hölle oft ein großer Ansporn für Glaube und Nächstenliebe. Natürlich wurde diese Angst dann auch missbraucht: Nicht nur das eigene Handeln bestimmt, ob man in Himmel oder Hölle kommt. Vielmehr muss man auch an das Richtige glauben. Wenn man nämlich an das Falsche glaubt, kommt man auch in die Hölle, selbst wenn man tugendhaft gehandelt hat. Andererseits kommt man in den Himmel, wenn man an das richtige glaubt, selbst wenn man ein Sünder gewesen ist. Und dann bleibt man dort in alle Ewigkeit. Dieser Glaube ist in Christentum, Islam und Judentum weit verbreitet.
Im Heidelberger Katechismus, einer der wichtigsten Lehrschriften des reformiert-evangelischen Glaubens, wird die protestantische Theologie, in etwa wie folgt dargestellt: Gott hat den Menschen gut und nach seinem Ebenbild geschaffen und ihm das Paradies gegeben. Leider waren die Menschen ungehorsam: Adam und Eva haben von der verbotenen Frucht gegessen. Seitdem sind alle Menschen in Sünde geboren und von Geburt an verdorben. Um dennoch zur Erlösung zu kommen, hat Gott dem Menschen die zehn Gebote gegeben sowie das Gebot der Gottes- und Menschenliebe. Leider kann der Mensch diese nicht einhalten. Da Gott aber ein gerechter Gott ist, muss die Sünde des Menschen gebüßt werden, damit er der ewigen Verdammnis entgehe. So hat Gott seinen eigenen Sohn, Jesus Christus, auf die Welt geschickt, damit er für die Sünden aller Menschen sterbe. Wer an Jesus Christus glaubt, der wird durch diesen Glauben vor ewiger Verdammnis gerettet. Es gibt zwar gewisse Unterschiede im lutherischen, im reformierten und im katholischen Christentum. Dennoch laufen die im Spätmittelalter und bis vor kurzem vorherrschenden Hauptlehrmeinungen der christlichen Kirchen auf das Gleiche hinaus: Nur Christen kommen in den Himmel, alle anderen sind der Ewigen Verdammnis preisgegeben. Vor diesem Hintergrund ist der extreme Fanatismus und die extreme Gewalt von Seiten der Christen in Kreuzzügen, bei Judenverfolgungen, gewaltsamen Bekehrungen der Indios in Mittel- und Südamerika im 16. Jahrhundert zu verstehen: Die massenmordenden Christen meinten, etwas Gutes zu tun. Im Zeitalter der Reformation waren dann die Evangelischen überzeugt, die Katholiken kämen alle in die Hölle (Luther nannte den Papst den „Antichristen“), und natürlich waren die Katholiken überzeugt, alle Protestanten kommen in die Hölle. Dies erklärt die Gewalt der Religionskriege im 16. und 17. Jahrhundert: Jede Partei wollte durch gewaltsame Zwangsbekehrung die anderen vor ewiger Verdammnis bewahren. Und es erklärt auch die Vehemenz, mit der Islamisten für ihre Überzeugungen eintreten.
Auch heute noch wird in manchen christlichen Gruppierungen davon ausgegangen, dass praktisch alle, die nicht zur eigenen Gruppierung gehören, in die Hölle kommen. Ich erinnere mich an meine Zeit in Los Angeles. In Amerika gibt es ja nicht zwei große Kirchen wie hier in Deutschland, sondern Hunderte von kleinsten Untergruppierungen. Eine Kirche hat vor dem Yoga-Center, in dem ich unterrichtet habe, ein Flugblatt ausgeteilt, wo geschrieben stand: „Kommst du in die Hölle? Wenn du nicht an Gott glaubst kommst du in die Hölle. Wenn du an einen anderen Gott als Jesus glaubst, kommst du in die Hölle. Wenn du Jesus anders verehrst, als es richtig ist, kommst du in die Hölle.“ Es war so formuliert, dass Gott 99,9% aller Menschen in die Hölle schickt, und da haben die ernsthaft daran geglaubt.
Ewige Verdammnis in der Hölle erscheint bei logischem Nachdenken als unverhältnismäßig hohe Strafe bei einem doch sehr kurzem Erdenleben. Wenn man bedenkt, dass 80 Jahre oder auch nur 20 oder 10 Jahre eines Lebens bestimmen sollen, ob man in die ewige Verdammnis oder in den Himmel kommen soll, macht das keinen Sinn. Wenn wir Gott nur im Geringsten als liebevoll oder doch wenigstens als gerecht erachten, wieso sollte er jemanden wegen Fehler in ein paar wenigen Jahren, für Millionen und Milliarden Jahre, ja für ewig in die Hölle schicken? Und wie kann Gott so grausam sein, die Mehrheit seiner Geschöpfe nie das Mittel zur Erlösung wissen zu lassen (die Mehrheit wächst ja nicht als Christ auf)? Letztlich müssen Herz und Verstand gegen eine solche Vorstellung rebellieren. Und in den modernen christlichen Kirchen in Europa kommt die Theorie der ewigen Verdammnis etwas aus der Mode. Letztlich hat das Christentum genau wie die meisten anderen Religionen keinen eindeutige, für alle Gläubigen verbindlichen Lehrmeinung, was genau nach dem Tod kommt.
Ein wichtiger Unterschied der aus dem Nahen Osten stammenden Religionen aus dem Judentum, Christentum und Islam zu den östlichen Religionen ist die zeitliche Perspektive.
Im Christentum ging man z.B. bis ins 16./17. Jahrhundert davon aus, dass Gott die Welt in 6 Tagen irgendwann zwischen 5000 und 3500 v. Chr. erschaffen hat (je nach Bibellesart). Und die ersten Frühchristen gingen davon aus, dass sie selbst noch die Apokalypse, das Wiederkommen Christi und damit den Untergang der Welt erleben würden. Seitdem wird immer wieder in christlichen Gruppierungen der Untergang der Welt beschworen. Dies wird auch in islamischen, heute besonders in islamistischen Kreisen, immer wieder erwartet.
Die Inder hatten da eine ganz andere zeitliche Perspektive. Die verschiedenen indischen Schriften widersprechen sich zwar bzgl. des Alters der Welt. Dennoch ist es faszinierend zu erkennen, in welchen Dimensionen die Inder schon vor Tausenden von Jahren gedacht haben. Die Inder haben dabei in Zyklen gedacht. Im Surya Siddhanta, einem Text, der vermutlich mindestens 1000-1400 Jahre alt ist, wird ein Schöpfungszyklus wie folgt aufgeteilt:
Zunächst gibt es 4 Yugas, „kurze“ Zeitalter. Ein Kali Yuga, das dunkle Zeitalter, dauert 432.000 Jahre zählt (laut klassischer Chronologie sollen wir uns seit 3227 v.Chr. im Kali Yoga befinden). Das Zeitalter davor ist das bronzene Zeitalter mit 864.000 Jahren, noch früher das silberne Zeitalter mit 1.296.000 Jahren und ganz am Anfang war das goldene Zeitalter mit 1.728.000 Jahren. Alle vier Zeitalter zusammen ergeben 4.320.000 Jahre, was auch ein Maha Yuga genannt wird. 71 dieser Maha Yugas zusammen mit einem Sandhya (Zwischenzeitalter) ergeben ein Manvantara mit 308.448.000 Jahren. 14 Manvantaras zusammen mit einem weiteren Sandhya ergeben ein Kalpa von 4.320.000 Jahren. Zwei Kalpas sind ein Tag und eine Nacht im Leben Brahmas, des Schöpfers. Brahma lebt 100 Jahre. Damit wird die Dauer eines vollen Schöpfungszyklus mit 311 Trillionen Jahren angegeben. Und vor jedem Schöpfungszyklus gab es einen anderen, und nach jedem Schöpfungszyklus gibt es einen weiteren.
Weitere das Denken weitenden Vorstellungen findet man in der Yoga Vasishtha: Da wird von Paralleluniversen gesprochen, gleichzeitig nebeneinander existierenden Welten, in denen wir sogar gleichzeitig existieren können.
Das christlich-mittelalterliche Bild war da erheblich eingeschränkter: Da war das Universum ein paar Tausend Jahre alt, die Erde eine Scheibe, Jerusalem war der Mittelpunkt der Welt, das Ende der Welt kommt bald, der Mensch ist die Krone der Schöpfung, Gott hat nur ein Mal seinen Sohn auf die Erde geschickt, und es gibt nur einen Weg zum Heil.
Die moderne Wissenschaft hat diesem Weltbild einen Schlaf nach dem anderen versetzt. Die Erde ist eine Kugel, sie kreist um die Sonne, welche selbst nur ein unbedeutender Stern unter Milliarden anderer Sterne ist. Das Universum ist mindestens 15 Milliarden Jahre alt, der Mensch entstand in einer langen Evolutionskette und ist gar nicht so viel anders als Tiere. Es mag Hunderte von anderen Planten mit Leben geben. Und es mag keinen Grund geben, weshalb das Leben in den nächsten Millionen Jahren zu Ende sein soll.
Wenn wir vor diesem Hintergrund überlegen, dass die paar Jahrzehnte eines Lebens eine Milliarden Jahre weit übersteigende Ewigkeit bestimmen sollen und wir eventuell für ewig in der Hölle schmoren sollen, dann macht die These einer ewigen Verdammnis keinen großen Sinn. Und wenn man bedenkt, dass es seit einer Million Jahren Menschen gibt, und auch Menschenaffen, Delphine, eventuell sogar Wale und Papageien Selbstbewusstsein haben, wäre es auch eigenartig, wenn Gott nur ein einziges Mal in einem einzigen Teil eines winzigen Planeten in einem unbedeutenden Sonnensystem in einer kleineren Galaxie einen einzigen Weg zum Heil gezeigt hätte.
- Allerlösung: Vielen Christen ist es heutzutage sehr bewusst, wie unbefriedigend die oben skizzierte Theorie von ewigem Himmel und ewiger Verdammnis ist. Nur eine Minderheit der Christen in Mitteleuropa und kein mir bekannter Pfarrer glaubt heute noch daran. Und der Horizont weitet sich: Inzwischen erkennen die verschiedenen christlichen Kirchen an, dass man auch über eine andere christliche Konfession das Heil erreichen kann. Papst Johannes Paul II. hat anerkannt, dass auch Juden und Moslems das Heil erreichen können. Zu hoffen ist, dass der Gedanke der gegenseitigen Anerkennung unter allen Religionen sich verbreiten wird. Am weitesten geht das neuchristliche Konzept der „Allerlösung“. Nach dieser Theorie ist Jesus für die Erlösung aller Menschen gestorben unabhängig davon, ob sie an ihn glauben oder nicht. Somit kommen alle Menschen, unabhängig von ihren Taten, von ihrer spirituellen Praxis und ihrem Glauben zur Erlösung. Nach manchen Ausprägungen muss man nach dem Tod eine Art Fegefeuer, eine Art Reinigung durchlaufen, bis man des Heils teilhaftig wird. Meist werden die Details aber ausgelassen.
Das Konzept der Allerlösung passt sicherlich gut in unsere Zeit. Ein Charakteristikum unserer Zeit ist ja die Zunahme an Mitgefühl. In der Aufklärung wurde das Konzept der unbedingten, nicht zu verdienenden Menschenwürde entwickelt, vor allem von Immanuel Kant. Anfang des 20. Jahrhunderts postulierte Sigmund Freud, dass alles Schlimme im Menschen letztlich aus Problemen in der Psyche komme, die wiederum durch familiäres und gesellschaftliches Umfeld herrühren. Die Evolutionsbiologie, Genforschung und Hirnpsychologie haben gezeigt, dass alle Triebe im Menschen irgendwie evolutionsmäßig ihren Sinn gehabt haben und auch heute in dafür geeigneten Kontexten meist auch weiterhin wichtige Funktionen erfüllen. Letztlich gibt es nichts absolut Schlechtes oder absolut Gutes. Der Dualismus Gott-Teufel, wie man sie in den meisten Religionen findet, wird damit obsolet. Selbst der Verbrecher handelt aus Antrieben, die in irgendeinem evolutionären Kontext mal sinnvoll waren, und verdient unser Mitgefühl. Und jeder von uns hat, wenn auch in unterschiedlichen Anteilen, fast jeden Trieb in sich, den jeder andere auch hat. Vor diesem Hintergrund würde eine bedingungslose Liebe Gottes auch ein bedingungsloses Annehmen aller Menschen in all ihren Anteilen mit sich ziehen. Ein bedingungslos liebender Gott müsste auch alle Menschen erlösen können. So wie man von einem irdischen Vater und einer irdischen Mutter erwarten würde, dass sie jeden ihrer Kinder bedingungslos annehmen und alles in ihrer Macht Stehende tun, so wird dies ganz gewiss auch Gott tun.
Natürlich hat die Theorie der „Allerlösung“ auch ihre Probleme: Zum einen hält sie sich sehr vage, was Allerlösung überhaupt sein soll. Wie ist das überhaupt, „erlöst“ zu sein? Da waren die Beschreibungen eines Himmels mit Harfen spielenden Engeln konkreter. Zum anderen sind die biblischen Belege dafür sehr dünn. Zum dritten stellt sich die Frage: Warum sollte man überhaupt tugendsam sein und glauben, wenn man sowieso die Erlösung erlangt? Auf diese dritte Frage gibt es allerdings eine durchaus befriedigende Antwort: Wenn man weiß, dass man praktisch schon erlöst ist, kann man das Leben freudevoll leben, man kann sich selbst so annehmen wie man ist, weil man weiß, dass Gott einen so annimmt, wie man ist. Und wenn man sich des Geschenkes Gottes bedingungsloser bewusst ist, will man dieses Geschenk auch weitergeben. So handelt man nicht tugendhaft, um etwas zu erreichen; man geht nicht in die Kirche, um in den Himmel zu kommen. Vielmehr gibt man aus Glücksgefühl und Dankbarkeit das weiter, was man erfahren hat. Dieses innere Glück als tugendhafte Handlungen auszudrücken, ist Belohnung in sich.
Hier ist der christliche Allerlösungsgedanke der Yoga Philosophie erheblich näher, als die christlichen Befürworter es selbst wissen: Ethisches Handeln entspringt im Yoga nämlich nicht der Angst vor schlechtem Karma oder göttlicher Bestrafung. Im Jnana Yoga wird aus der Vedanta Philosophie heraus gesagt: Wir sind jetzt schon Atman, reine, unendliche Seele. Egal, was wir machen: Wir sind jetzt schon perfekt. Diese Vollkommenheit müssen wir uns nicht erarbeiten, wir können sie nicht verlieren. Alle spirituelle Praxis hilft uns nur, uns dieser Tatsache bewusst zu machen. Und wenn wir erkennen, dass wir alle miteinander im Höchsten Bewusstsein verbunden sind, kommt Nächstenliebe und ethisches Handeln von selbst. Patanjali empfiehlt im Raja Yoga Sutra die Entwicklung von Tugenden als Mittel zum Zweck: Patanjali sagt: Unethisches Handeln führt direkt zu Unwissenheit und Leid (Yogasutra II 34). Ethisches Handeln aus Liebe führt zum Wissen und Erfahrung der Einheit sowie zu Freude. - Ungewissheit: Weit verbreitet ist die Vorstellung, dass man nicht wissen kann, was nach dem Tod kommt. Es sei wichtiger, sein jetziges Leben zu leben, als sich über das nächste Leben Gedanken zu machen. Was nachher kommt, würden wir schon sehen. Diese Vorstellung klingt vernünftig, führt aber zu einer unterbewussten Grundangst. Denn dem Menschen weiß ja um die Vergänglichkeit. Letztlich kommt aus dieser Einstellung die in unserer Kultur so verbreitete Verdrängung des Todes. Über Sterben spricht man nicht, mit Sterbenden spricht man nicht über den Tod, gestorben wird im Krankenhaus. So gelingt es, den Tod aus dem Leben zu verbannen. Aber der Tod kommt von selbst immer wieder ins Leben: Ein naher Angehöriger stirbt, man selbst gerät in Lebensgefahr, unheilbare Krankheiten werden diagnostiziert oder befürchtet. Diese Grundangst sorgt dafür, dass der moderne Mensch im aktiven Leben immer unter einem Hintergrund-Stress leidet, was auch in der psychologischen Forschung empirisch belegt wurde. Menschen mit einer ungenaueren Vorstellung über „das Leben nach dem Tod“ leiden erheblich mehr unter Unsicherheit und Stress als Menschen mit einer festen Überzeugung. Auch die Trauma-Forschung hat gezeigt: Menschen mit festen Überzeugungen, die auch die Katastrophen des Lebens mit einbeziehen, leiden weniger unter erschütternden Erfahrungen als andere. Man hat z.B. festgestellt, dass Exiltibeter, die Schlimmstes erlebt hatten, 20 Jahre nachher erheblich weniger unter posttraumatischen Belastungssyndrom gelitten haben als andere, die Vergleichbares erlebt hatten, aber keine so tiefe spirituelle Verankerung hatten.
Eine mit Ungewissheit nach dem Tod einhergehende Lebens- und Weltanschauung ist eine Art rosaroter Optimismus, der die Katastrophen des Lebens ausblendet. Viele Menschen in Europa haben folgende Weltanschauung: Die Welt meint es gut mit mir. Mein Leben wird sich schon gut entwickeln. Wenn ich keine groben Fehler mache, wird alles gut sein. Aber: Katastrophen geschehen nun mal: Angehörige sterben, Ehen gehen in die Brüche, Kinder kommen auf Abwege, Arbeitsstellen werden gekündigt, Unfälle und Krankheiten geschehen. Da fragen sich die modernen Menschen vergebens: Warum? Warum ich? Warum mir? Eine Lebenseinstellung, die nicht tief genug denkt und für sich selbst nur eine rosarote Zukunft ausmalt und den Schwierigkeiten und Herausforderungen des Lebens keinen Platz einräumt, wird immer wieder erschüttert. Und weil das Unbewusste das weiß, wird im Hintergrund der Psyche eine beständige Angst und Unsicherheit herrschen. Die scheinbar so „vernünftige“ Lebenseinstellung „man weiß nicht, was nach dem Tod ist, und ich lebe jetzt mein Leben“ entpuppt sich als Quelle von psychischen und psychosomatischen Beschwerden. Diese Einstellung scheitert auch immer wieder daran, dem Leben einen tieferen Sinn zu geben, der ja laut den Forschungen von Victor Frankl für psychische Gesundheit so wichtig ist. Wer den Sinn im Leben sieht, eine Firma aufzubauen, wird diesen nach einem Konkurs in Scherben sehen. Wer in Ehe und Familie seinen Sinn sieht, wird nach Scheidung oder Tod eines Kindes sein Leben für sinnlos ansehen.
So braucht erfülltes, gesundes Menschsein letztlich eine tiefere Basis, einen tieferen Sinn, ein tieferes Verstehen. Selbst wenn sich am Ende des Lebens herausstellen würde, dass es doch nach dem Tod nichts gibt, hätte man wenigstens ein erfüllteres, freudevolleres Leben geführt, das der evolutionär-biologisch-neurologischen Hirnausstattung des Menschen mehr gemäß war als ein Materialistisches... - Reinkarnation: Die Vorstellung von Reinkarnation war zu allen historisch bekannten Zeiten die am meisten verbreitete (siehe unten). Sie besagt, dass Bewusstsein nicht vom Hirn abhängt, dass wir letztlich jenseits der Materie existieren. Bewusstsein und damit Leben hängt nicht von der Materie ab. Das Bewusstsein inkarniert sich in die Welt, um Erfahrungen zu machen. Bewusstsein wird beschränkt durch die Verkörperung. Es macht in einem lebendigen Körper Erfahrungen. Wenn der Körper stirbt, geht es in eine subtilere Seinsweise ein, um sich anschließend wiederzuverkörpern. Im Laufe vieler Leben entwickelt und vervollkommnet sich die Seele. Jedes Leben ist in sich sinnvoll. Jedes Leben ist in sich wichtig und wertvoll. Jedes Leben hat seine Lektionen und Lernaufgaben. Wir brauchen aber keine Angst davor zu haben, etwas falsch zu machen oder etwas zu verpassen. Jeden Fehler können wir wieder gut machen, alles was wir verpasst haben, können wir nachholen. Jede Erfahrung ist sinnvoll, auch wenn wir das im Moment der Erfahrung nicht wissen. Alles was geschieht, ist das richtige für unserer Evolution. Dem Bedürfnis des Menschen nach Sinn entspricht der Reinkarnationsglaube besonders stark. Vor dem Hintergrund der Möglichkeit der Wiederverkörperung können wir dieses Leben sehr bewusst und intensiv, ohne Schuld- und Rachegefühle, mit Liebe und Erfüllung leben. Einige wissenschaftliche Indizien sprechen für ein Leben nach dem Tod bzw. Leben vor der Empfängnis. So ist der Glaube an Reinkarnation intellektuell bestechend, psychologisch hilfreich und emotionell herzöffnend.
Artikel aus dem noch nicht veröffentlichten Buch "Karma und Reinkarnation" von Sukadev Bretz
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