Infos und Neuigkeiten zu Yoga, Meditation, Ayurveda und Spiritualität. Artikel von Sukadev Bretz, Gründer und Leiter von Yoga Vidya
Manu, der archetypische erste Gesetzgeber, formulierte es in der Yoga Schrift „Manu Smriti“ wie folgt:
„Auf der physischen Ebene kommt der Mensch ohne etwas und geht ohne etwas. Auf der geistigen Ebene kommt der Mensch mit etwas, er verändert es im Lauf seines Lebens und geht mit etwas anderem. Auf der höchsten Ebene kommet der Mensch mit etwas, es verändert sich nichts, und er geht mit dem Gleichen.“
Auf der physischen Ebene kommen wir nackt und wir gehen nackt. Nichts, was wir in diesem Leben aufbauen, nehmen wir nach dem Tod mit. Der Körper wird verfallen bzw. von den Würmern gefressen werden. Kein Geld wird uns begleiten, kein Haus, keine Firma, kein Buch und keine Kunstsammlung. So sollten wir uns immer bewusst sein: Alles auf der physischen Ebene ist vergänglich und hat nur einen vorübergehenden Wert.
Auf der feinstofflichen Ebene kommen wir mit etwas: Wir kommen mit einer gewissen Menge an Prana (Lebensenergie). Wir haben schon von Geburt an ein gewisses Temperament, bestimmte Neigungen und Begabungen, eine Persönlichkeit, eine gewisse spirituelle Entwicklung. Und wir kommen mit einem bestimmten Karma, also Lernaufgaben in dieses Leben. Im Lauf des Lebens können wir unsere Lebensenergie weiter ausbauen oder verausgaben, wir können bestimmte Talente und unsere Persönlichkeit entwickeln. Durch spirituelle Praxis, bewusste Lebensführung und die karmischen Lektionen können wir spirituell wachsen. Wenn dann der physische Körper stirbt, nehmen wir die Erfahrungen, die Lektionen, das Prana, die Ausstrahlung, die entwickelten Talente und Persönlichkeitsanteile sowie das veränderte Karma mit. Damit können wir dann das nächste Leben neu beginnen.
Auf dieser Ebene ist nichts umsonst: Jede Erfahrung hat ihren Wert. Wer z.B. einen Naturkostladen aufmacht, ihn ein paar Jahre erfolgreich führt, bis dieser wegen Eröffnung eines Naturkostsupermarktes schließen muss, hat nicht „umsonst“ geschuftet. Das Engagement, das man hineingesteckt hat, die Konzentration und das Durchhaltevermögen, das man dabei entwickelt hat, die Fähigkeit mit Kunden zu sprechen, all das nimmt man als Teil der Persönlichkeit mit. Auch die Erfahrung, etwas Aufgebautes zu verlieren, hilft einem auf dem Weg zur Vervollkommnung. So ist auch eine „gescheiterte“ Ehe nicht wirklich gescheitert. Und wenn der ehemalige Ehepartner die Kinder mitnimmt, waren die Jahre, in denen man für die Kinder da war, nicht verloren. Auf dieser mittleren Ebene ist jede Erfahrung wichtig, und hat jede Anstrengung ihren bleibenden Weg.
Auf dieser Ebene könnte man sagen, die Aufeinanderfolge der verschiedenen Leben ist kein Kreislauf sondern eine Spirale: In jedem Leben lernen wir etwas dazu. Wir wachsen und entwickeln uns. Und es heißt: Wir inkarnieren uns solange, bis wir die höchste Vollkommenheit erreicht haben.
Auf der höchsten Ebene kommen wir mit etwas, es ändert sich nichts, und wir gehen mit dem Gleichen. Das ist die höchste Ebene, Brahman, das Absolute. Der höchste Aspekt des Menschen, sein wahres Selbst (Atman) ist reines Bewusstsein, Sat-Chid-Ananda, absolutes Sein, Wissen und Glückseligkeit. Dieser Atman ist unveränderlich, ewig. Die Bhagavad Gita beschreibt das Selbst in folgenden Worten: „Erkenne das als unzerstörbar, welches alles durchdringt (II 17)... Es wurde nicht geboren und stirbt auch niemals. Nachdem Es gewesen ist, hört es niemals auf zu sein. Es ist ungeboren, ewig, unveränderlich und uralt... (II 20) ... Es ist ewig, alldurchdringend, fest, unverrückbar und ohne Anfang und Ende (II 24)... Es ist nicht sichtbar, gedanklich nicht fassbar und unveränderlich. Da du weißt, dass es so ist, mache dir niemals Sorgen.“
Wenn wir geboren werden, ist unsere eigentliche Natur Atman. Wenn wir wachsen, sind wir weiterhin Atman. Und wenn wir sterben, sind wir immer noch Atman. Auf der höchsten Ebene bleiben wir immer der gleiche.
Das wahre Selbst wird im Yoga also als Atman bezeichnet. Es hat als Fahrzeuge den physischen, den astralen und den kausalen Körper. Ein Auto braucht einen Fahrer. Ebenso braucht ein Fahrer ein Auto, wenn er wegfahren will. Allerdings sind Auto und Fahrer etwas Unterschiedliches. Des weiteren hat ein Fahrer typischerweise auch Kleidung an. Er braucht die Kleidung, wenn er sich in Gesellschaft begeben will oder auch zum Schutz gegen Kälte, Nässe oder Sonne. Der Mensch kann in der gleichen Kleidung verschiedene Autos betreten und wieder verlassen. Das Auto wäre in dieser Analogie der physische Körper. Die Kleider wären der Astralkörper. Problematisch wird es, wenn der Fahrer sich mit dem Auto oder der Kleidung identifiziert und meint, er wäre das Auto, er wäre die Kleidung.
Hier ergibt sich eine der Paradoxien des spirituellen Lebens: Auf der einen Seite sind wir jetzt schon das Höchste Selbst. Wir sind jetzt schon vollkommen. Auf der anderen Seite identifizieren wir uns mit dem Körper, den Emotionen, der Persönlichkeit.
Auszug aus dem unveröffentlichten Buch "Karma und Reinkarnation" von Sukadev Bretz